Kurzgeschichten im Deutschunterricht der Klasse R9a
Im Deutschunterricht der Klasse R9a stand in den vergangenen Wochen das Thema Kurzgeschichten im Mittelpunkt. Die Schülerinnen beschäftigten sich dabei sowohl mit der Analyse bekannter Kurzgeschichten als auch mit dem eigenständigen Verfassen eigener Texte. Ziel war es, typische Merkmale dieser Textsorte zu erkennen und diese bewusst im eigenen Schreiben umzusetzen.
Besonders spannend an Kurzgeschichten ist ihre Kürze, die dennoch viel Raum für Interpretation lässt. Oft sagen sie nicht alles direkt, sondern verlangen von den Leser/-innen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und eigene Schlüsse zu ziehen. Genau diese Offenheit stellte die Schülerinnen vor besondere Herausforderungen – sowohl beim Analysieren als auch beim Schreiben der eigenen Texte.
Beim Verfassen eigener Kurzgeschichten zeigte sich, dass es gar nicht so einfach ist, eine Handlung stark zu verdichten, Figuren knapp, aber dennoch glaubwürdig darzustellen und ein passendes offenes oder überraschendes Ende zu finden. Viele Schülerinnen mussten ihre ersten Ideen überarbeiten, kürzen oder neu strukturieren. Zwischenzeitlich war die Arbeit deshalb durchaus anstrengend, und es wurde viel nachgedacht, ausprobiert und verworfen. Auch der bewusste Umgang mit Sprache, etwa das Weglassen von Überflüssigem oder das gezielte Setzen einzelner Wörter, erforderte Konzentration und Geduld.
Trotz dieser Schwierigkeiten bot das Thema insgesamt einen sehr interessanten Einblick in die analytische Sichtweise von Texten sowie in den bewussten und kreativen Umgang mit Sprache. Viele Schülerinnen konnten am Ende feststellen, wie viel Wirkung auch kurze Texte entfalten können, wenn sie gezielt gestaltet sind.
Ergänzend zum Unterricht wurden ausgewählte Kurzgeschichten von Schülerinnen anonym hochgeladen, die einer Veröffentlichung zugestimmt haben. Diese Beispiele geben einen anschaulichen Einblick in die im Unterricht entstandenen Texte und zeigen die Vielfalt der Ideen und Herangehensweisen innerhalb der Klasse.
Viel zu verrückt um wahr zu sein
Was ist jetzt schon wieder los?
Ich wollte doch nur gerade auf die Toilette gehen, als ich einen fremden Mann auf dem Gang stehen sehe. Er sieht irgendwie alleine und erschrocken aus. Also beschließe ich zu ihm zu gehen. Als ich gerade neben ihm stehe, sehe ich auch, weswegen er so erschrocken und verängstigt in eine Richtung schaut. Gegenüber von uns beugt sich ein Haus immer weiter nach vorne. „Oh Gott!", sage ich nur und schaue erschrocken, dass in sich zusammenfallende Haus an. Jetzt fängt auch endlich der Mann neben mir an etwas zu sagen. Er erzählt mir, dass er schon seit 20 Minuten das Haus anstarrt. Langsam kommen wir ins Gespräch. Er sagt, dass er gerade unterwegs zu einem Vorsprechen für eine Filmrolle war, als er ein komisches Geräusch gehört hat. Er hat angehalten und ist dem Geräusch nachgegangen. So ist er hier in der Schule gelandet. Daraufhin kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn, was er eigentlich so für Filmrollen hatte. Woraufhin er geantwortet hat, dass er noch keine wirklich großen Rollen hatte und somit ein eher unbekannter Schauspieler sei. Er stoppt mitten im Satz, weil auch der Boden unter uns zu ruckeln beginnt. Er bricht direkt in Panik aus und fängt an zu schreien. Doch ich bleibe erst mal ruhig und überlege, was wir machen könnten, damit wir nicht hinterher noch mit dem Haus zusammenfallen. Das ruckeln wird immer schneller und stärker und so kann auch ich nicht mehr ruhig und wie eben noch entspannt bleiben. Daraufhin schreie ich nur noch „RENN… SCHNELL!“. Wir rennen gleichzeitig los und spüren dabei, wie das Haus immer instabiler wird. Der mir bis jetzt immer noch unbekannte Schauspieler ist einige Meter vor mir und schafft es auch gute 2 Minuten vor mir raus. Jetzt bin ich nur noch alleine in dem sehr unstabilen und langsam in sich zerfallenden Treppenhaus. Endlich bin ich draußen angekommen, und ehe ich mich versehe, fällt das Haus in sich zusammen. Nachdem ich realisiert habe, dass ich jetzt draußen stehe, schaue ich nach vorne und sehe, außer glücklichen Gesichtern, quatschender Leute und einer Frau mit Liste, die auf mich zugelaufen kommt, nichts Kaputtes bzw. irgendetwas Eigenartiges. Sie spricht mich darauf an, dass ich jetzt endlich auch mal zu meiner Gruppe gehen soll und alle schon auf mich warten würden. Ich bin sehr verwirrt und frage mich, was hier eigentlich vor sich geht. Ich denke nur, dass gerade mehrere Häuser eingestürzt sind und das noch ohne Grund. Wie können jetzt nur alle so glücklich feiern, als wär‘ nichts passiert? Doch dann beschließe auch ich zu meiner Gruppe zu gehen und die glückliche Stimmung nicht kaputt zu machen. Als ich bei meiner Gruppe ankomme, sehe ich auch den unbekannten Schauspieler von eben wieder. Doch wer zur Hölle ist das neben ihm? Habe ich den nicht schon mal im Fernsehen gesehen?
Was unausgesprochen bleibt
Es ruckelte, es zischte, hier und da waren ein paar Stimmen zu hören. Der Morgen war kalt gewesen, wie so oft zu dieser Jahreszeit. Maries Gesicht spiegelte sich blass in der Scheibe wider. Die Tür öffnete sich zu den Seiten, und ein paar Leute stiegen ein. Marie schaute kurz in ihre Richtung, aber nicht für lange. Ihre Gedanken blieben bei der Nachricht auf ihrem Handy haften, die sie nicht beantworten konnte. „Wir müssen reden“ hatte sie geschrieben. Das letzte Mal hatten sie das vor ein paar Wochen getan. Vor dem Vorfall und dem ganzen Drama, als noch alles beim Alten war, wie die letzten fünf Jahre ihrer Freundschaft.
Fünf Jahre. An der nächsten Haltestelle stiegen zwei Mädchen ein. Beide wahrscheinlich nicht älter als zwölf. Sie lachten. Für einen Moment erinnerte sie das Lachen an früher, an Tage, an denen sich das Leben leicht und hell anfühlte. Sie dachte dazu noch an so viele Erinnerungen, fröhliche Erinnerungen, die sich jetzt nur noch wie ein Messer im Herzen anfühlten und das mulmige Gefühl in ihrem Bauch nur größer werden ließen.
Gefahr.

Der Wald. Ein nasser Ort, wenn man es sich vorstellt, ein stiller Ort, wo nicht viele Menschenseelen sich aufhalten und auch nur, wenn sie sich erholen wollen von dem Stress, den sie unter der Woche spüren mussten. Ja, das würde ich mir auch wünschen, den Stress von meinen Schultern, die Erholung. Aber manchmal schaut es nur aus wie ein Traum, das Wort „Erholung“ wird immer fremder, wie eine Person, die man nie wiedergesehen hat. Es starrt mich fragend an. „Warum schaust du mich so an, es ist nicht meine Schuld, dass du mir jedes Mal entkommst.“ Gebe ich leise von mir, als würde ich mich davor schämen, und vielleicht tue ich es auch. Manchmal frage ich, wieso ein Reh vor der plötzlichen Gefahr erstarrt, nichts dagegen tut. Manchmal denke ich darüber nach, dem Reh hinterher zu schreien: „Geh, flieh vor der Gefahr.” Aber warum ruft keiner hinter mir her, wenn ich in Gefahr bin? Hört mich denn niemand? Kann mir denn keiner helfen, vor dem Risiko, das mich einholen wird? Ich fühle mich alleine, auch wenn ich es gar nicht bin, es ist wie eine Leere, die ich innerlich spüre. Ich mag es doch eigentlich, alleine zu sein, ja, das tue ich. Dennoch klammere ich mich an den Menschen fest, den ich liebe, auch wenn ich weiß, dass die Erinnerungen derjenigen schwinden werden. Ich will wieder das kleine Mädchen sein, unschuldig vor den Dingen, die noch passieren würden. Immer noch wünsche ich mir die Ruhe, einen gewissen Frieden, doch jetzt weiß ich, jetzt ist noch nicht die Zeit zu gehen, auch wenn ich es möchte. „Das wird schon…“ sage ich mir jedes Mal aufs Neue, doch ich habe schon vergessen, wie oft ich es mir selber gesagt habe, aufgehört zu hoffen. Ich schluchze leise vor mich hin und hebe meinen Kopf hoch, schaue das Reh an und warte auf eine Antwort. Idiotin, als ob ein Reh dir zurück antworten wird, denke ich mir selber. Es starrt mich an, legt seinen Kopf seitlich, fragend, und dann rennt es davon, vor der Gefahr, oh ja vor der Gefahr...
Ein Leben, das leise zerbricht
2014 floh ein Mann wegen des Krieges aus der Ukraine nach Deutschland. Dort lernte er eine Frau kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und heirateten schließlich. Zusammen bekamen sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen.
Nach einiger Zeit wurde die Beziehung zwischen dem Mann und der Frau immer schwieriger. Es entstanden große Vertrauensprobleme, sodass sie sich trennen mussten. Der Mann zog daraufhin in eine kleine Wohnung.
Die Trennung nahm ihn sehr mit. Er wurde immer emotionsloser und kälter und regte sich schnell über viele Dinge auf. Auch auf der Arbeit bekam er immer mehr Stress mit seinem Chef, bis dieser ihn schließlich kündigte. Der Mann hatte kaum noch Geld und fand keine neue Arbeitsstelle.
Er begann zu trinken, da er nicht wusste, wie er sonst mit seiner Situation umgehen sollte. Seine Kinder bekamen das mit und brachen den Kontakt zu ihm ab. Dadurch bekam der Mann Depressionen.
Er hatte fast kein Geld mehr und konnte seine Miete nur noch mit Kleingeld bezahlen. Er meldete sich nicht mehr bei seiner Familie, sodass seine Mutter und seine Schwester begannen, nach ihm zu suchen. Sie klingelten bei seinen Nachbarn, doch niemand wusste, wo er war. Nach mehreren Stunden gaben sie die Suche auf.
Den Nachbarn fiel auf, dass sein Fenster offen war und seit Tagen das Licht und das Radio an waren. Doch niemand hörte je wieder etwas von ihm.
Fazit: Achte besser auf dich selbst und auf deine Mitmenschen.
Das Glück der Erde…
Felicitas saß auf dem Rücken ihres Pferdes Jody und ritt über einen Feldweg Richtung Wald. Sie lächelte. Sie liebte das Gefühl auf dem Rücken ihres Pferdes. Der starke warme Körper, der sie leicht hin und her schaukelte. Sie erreichten den Schatten des Waldes und die Stille empfing sie. Außer den Hufen auf dem weichen Waldboden hörte man nur das stetige Rauschen eines Baches. Sie fielen in einen leichten Trab. Nach einer kurzen Weile lichtete sich der Wald und sie galoppierten an. Felicitas ließ die Zügel locker. Rasch galoppierten sie einen Hügel hinunter. Der Wind bließ ihr ins Gesicht und zerzauste ihre Haare. Felicitas hatte das Gefühl, dass der Wind alle Sorgen vertrieb. Sie war glücklich. Schließlich erreichten sie einen Fluss. Jody drosselte das Tempo und trabte ins Wasser. Das Wasser spritzte hoch und durchnässte ihre Hose. Es störte Felicitas nicht. Im Gegenteil, es war ein heißer Sommertag und es war eine angenehme Abkühlung. Nach einer Weile ritten sie in den Wald zurück. Sie hatten ein gutes Stück zurückgelegt. Jody ließ sich in den Schritt fallen und sie trotteten Richtung Stall. Als sie in den Feldweg einbogen, sprang Felicitas von Jody ab. Das letzte Stück führte sie Jody. Felicitas öffnete das Tor zum Hof. Freudig wurde sie von Luna, der Hofhündin, begrüßt. Felicitas stellte Jody vor dem Stall ab und verschwand im Stall, um einen Schlauch zum Abduschen zu holen. Nach dem Abduschen führte sie Jody auf eine Weide. Jody verabschiedete sich mit einem sanften Stupser mit ihren Nüstern. Als Jody zu ihrer Herde trabte, lächelte Felicitas. Morgen würde sie wiederkommen.
Schätzt das Leben

Ich bin schon 40 Jahre alt und habe leider zu spät verstanden, dass das Leben viel zu schnell vergeht. Wenn wir jung sind, verschwenden wir viel Zeit und Energie auf Menschen, die es nicht wert sind. Wir verschwenden unsere Zeit und schätzen sie nicht, weil wir denken, dass wir noch viel Zeit vor uns haben, aber das ist nicht der Fall. In diesem Leben kann man alles kaufen, außer Gesundheit und Zeit.
Weshalb habe ich aufgehört, auf den perfekten Moment, den perfekten Tag oder das perfekte Wetter zu warten. Ich wartete nicht mehr auf den perfekten Anlass, um das Kleid zu tragen, das seit 10 Jahren im Schrank hängt. Ich habe es einfach genommen und angezogen. Ich hörte auf, für alle bequem zu sein. Ich erinnere mich an viele Fälle, in denen ich nicht nein sagen konnte, ich sagte trotzdem ja, auch wenn ich das nicht wollte, selbst wenn es mir nicht passte. Alle hielten meine Freundlichkeit für Schwäche, und irgendwann hörte ich auf, Menschen zu helfen, die das nicht zu schätzen wussten. Ich bin nicht mehr bequem für die Menschen, die sich einst, als ich ihre Hilfe brauchte, einfach von mir abgewandt hatten, habe ich einfach genau das Gleiche getan, wie sie einst mir gegenüber. Sie waren schockiert, dass ich zu so etwas fähig war, aber ich war stolz auf mich.
Ich brauchte viel Zeit, um aufzuwachen und meine rosarote Brille abzunehmen. Ich habe verstanden, dass ich nicht gelebt habe, sondern nur existiert habe. Ich habe immer gedacht, dass man an mich denken würde, wollte immer allen helfen, habe aber vergessen, mir selbst zu helfen. Der größte Teil meines Lebens ist bereits vorbei, ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, niemand weiß das, deshalb muss man jeden Tag schätzen und dieses Leben insgesamt schätzen. Deshalb möchte ich mich von nun an nicht mehr von den Meinungen anderer abhängig machen, sondern einfach nur dieses Leben leben.
Kurz gesagt: liebt euch selbst und eure Familie.
Der Schatten neben mir

Ich starrte auf den Teller vor mir, als wäre er ein Rätsel, das ich lösen sollte. Die anderen aßen, lachten, redeten, aber ich hörte nur meinen eigenen Herzschlag. Ich wollte doch essen. Wirklich. Aber mein Körper erstarrte. Still stellte ich den Teller weg und ging hinaus. Frische Luft war jetzt wichtig.
Ich atmete tief ein, doch ich hörte bereits die Stimme hinter mir. Ihre Stimme war weich, fast freundlich. „Ich will dir nur helfen“, sagte sie.
Doch jedes ihrer Worte brannte wie kalte Luft in meiner Brust. „Du lügst… du musst lügen… du kannst mir nicht helfen“, flüsterte ich zu mir selbst. „Warum lässt du mich nicht los? Warum immer wieder?“ Ich fühlte mich erdrückt, als würde ein unsichtbares Gewicht auf meinen Bauch drücken. Ich konnte sie quasi lachen hören, als wäre ich mickrig, unnötig, etwas, das man wegschmeißt. „Ich möchte jetzt zurückgehen und mit meinen Freunden essen“, sagte ich erneut.
Man kann der Stimme nicht entkommen, egal wie laut man schreit. Ich lief zurück und blickte in die volle Kantine, der Schatten noch immer neben mir. Obwohl die Kantine laut war, wurden die Stimmen in mir immer dumpfer, je weiter ich ging, als hätte jemand Watte in meine Ohren gestopft. Ich hatte das Gefühl, ich würde gleichzeitig rennen und stehen bleiben. Der Stuhl quietschte, als ich mich setzte. Der gleiche Teller, immer noch vor mir.
Ich nahm vorsichtig den Löffel. Nur einen kleinen Happen, das schaffe ich, oder? „Warum hörst du mir überhaupt noch zu?“, ertönte die Stimme hinter mir. „Weil du immer zu laut bist“, murmelte ich und nahm einen großen Bissen.
Mir wurde schlagartig übel. „Du ziehst mich runter“, flüsterte ich. „Nein“, antwortete der Schatten. „Ich halte dich nur fest.“ „Ich will frei sein.“ „Freiheit tut weh“, meinte sie. „Bei mir ist es wenigstens vertraut.“ Vertraut… das stimmte wenigstens. Egal, was ich mir einrede der Schatten ist trotz allem immer neben mir. Ich schob den Teller weg. Badezimmer jetzt. Die Kacheln wirkten kühl und ehrlich. Hier sprach niemand außer mir und dieser schreckliche Schatten.
Hier war die Welt klein genug, dass ich sie aushalten konnte. Ich setzte mich und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.
Ich starrte in die Leere, bis ich erneut sprach: „Ich bin müde.“ „Dann lehn dich an mich“, sagte sie. „Ich halte dich.“ „Du hältst mich fest das ist etwas anderes.“ Die Stimme schwieg. Und zum ersten Mal fühlte ich, dass Schweigen ein Anfang sein kann. Ihre Zartheit machte alles aber jedesmal noch schlimmer. Seufzend öffnete ich mein Wasser das einzige, das mich nicht verängstigte. Der Schatten stand hinter mir, die Arme locker verschränkt, als hätte sie alle Zeit der Welt. Ihr Lächeln war schmal, beinahe geduldig. Sie beugte sich näher zu mir, so nah, dass ich ihre kalte Präsenz wie einen Griff um meinen Nacken spürte. Sie musste mich nicht anfassen die Vorstellung allein reichte, um mich in mich selbst hineinzudrücken. In diesem Moment schlossen sich meine Finger um die Wasserflasche. Ein kleiner, fester Griff.
Ein Moment, der ganz mir gehörte nicht ihr. „Du kannst mich nicht für immer kontrollieren, weißt du?“, sagte ich vorsichtig. Es fühlte sich an, als würde etwas Kaltes meine Schulter berühren.
„Hast du Angst?“ „Ja.“ „Vor mir?“ „Vor mir selbst, wenn du in der Nähe bist.“ Der Schatten beugte sich zu mir, ihr Gesicht dicht an meinem. „Du brauchst mich. Ohne mich bist du nichts.“ Meine Hände zitterten, doch ich richtete mich trotzdem auf. „Vielleicht“, sagte ich. „Aber ich will herausfinden, was ich ohne dich bin.“ Der Schatten blieb kurz still, bevor sie den Kopf hob und langsam nickte. „Du wirst zurückkommen.“ „Vielleicht“, antwortete ich. „Aber nicht jetzt.“ Ich griff die Wasserflasche, öffnete die Tür und ließ den Schatten im dunklen Badezimmer zurück.
Sie folgte mir nicht -noch nicht. Doch ihr Schweigen fühlte sich wie ein kleiner Sieg an, auch wenn ich wusste, dass er nur von kurzer Dauer sein würde. Der Schatten würde mich finden. Aber ich wusste jetzt, das ich gehen kann. Jedes Mal ein Stück weiter ins Licht, bis ich mein Ziel erreicht habe.
Narzisst

Ich komme zu Hause an, schon wieder eine schlechte Note? Wieso kann ich nicht besser sein? Ich kann mir nicht vorstellen, wie Dad reagieren würde … Werde ich wieder von ihm angeschrien? Beleidigt? Gehauen? Oder gar keine Reaktion? Es kommen weitere Ideen im Kopf, bis …
„Ah, du bist da!“, sagt mein Vater, als er mich mit einer großen Umarmung grüßt.
„Wie war die Schule?“, fragt er, als er die Umarmung auflöst.
„Das Gleiche wie immer“, antworte ich trocken.
Sein Blick ändert sich und wird steif.
„Wieso guckst du so? Ist was passiert? Ist das dein beschissener Deutschlehrer schon wieder?“, er fragt mehrere Fragen, die ich noch nicht beantworten kann.
„Nein! Es ist alles gut, nur … ich habe meine Deutscharbeit zurückbekommen, und … die ist nicht so gut gelaufen …“, erkläre ich ihm, während meine Stimme noch leiser wird.
„Welche Note hast du bekommen?“, wollte er wissen.
„Eine Fünf …“, murmle ich, aber nicht so leise, dass er mich nicht versteht.
Sein Blick ändert sich wieder, seine Augenbrauen werden steifer und die Hoffnung in seinen Augen verschwindet.
„So, wir reden jetzt im Wohnzimmer, komm“, seufzt er und geht ins Wohnzimmer hinein.
Ich weiß genau, was jetzt passieren wird.
Es ist immer wieder das Gleiche mit ihm.
Genau der gleiche Raum, mit einem ähnlichen Gespräch.
Ich setze mich sofort aufs Sofa, während er sich mir gegenübersetzt.
„So …“, fängt er an und seufzt ganz lange.
Er macht es immer, wenn er Aufmerksamkeit haben will.
„Guck mal, als Kind war ich auch nicht so motiviert“, sagt er, während ich emotionslos vor ihm sitze.
Jetzt fängt es aber an.
Er redet, und redet, und redet, dazu auch noch ein paar Beleidigungen an mich wie: „Du zimperliche kleine Kuh!“ oder „Du faules Arschloch!“
Er macht weiter damit, bis meine Augen rot und nass sind.
Er findet immer einen Weg, die Gespräche auf sich zu lenken, und denkt nicht mal darüber nach, wie es mir geht!
Seine Stimme wird lauter und seine Worte verletzender.
Wieso hat Mama ihn nicht verlassen?
Wieso muss ich noch so leben?
Wieso kann ich nicht eine bessere Tochter sein?
Wäre ich so schlau wie meine Schwester, dann würde er mich nicht so anschreien.
Therapie wäre die beste Lösung für ihn, aber er verzichtet darauf, weil es anscheinend kompletter „Bullshit“ ist.
Ich gucke in seine Augen, während ich zittere und fast gar nicht mehr atmen kann.
In seinen Augen sehe ich keinen Vater, sondern einen egoistischen Mann, der mich hasst.




